Vor einigen Tagen erlebte London eine Premiere. Daniel Baremboim war mit der Staatskapelle auf Konzertreise in London. Das Ziel: die BBC-Proms in der Royal Albert Hall, das größte
Klassikfestival der Welt. In der über hunderjährigen Geschichte wurde dort "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner erstmals aufgeführt. Ein Abenteuer, wie der Dirigent meinte.
Die etwa 5000 Zuschauer aus aller Welt zollten den Künstlern am Ende der Oper stehende Ovationen vor Begeisterung.
Von älteren Menschen sagt man häufig, sie lebten in
der Vergangenheit und ich finde, das ist zum Teil richtig und auch ganz gut so.
Ich kann mich ganz gut erinnern, wie ich
seinerzeit für ein Konzert in der Berliner Philharmonie eine Freikarte erhielt.
Karten waren eigentlich nichts Besonderes,
schließlich war ich Verwalter für das „Theater der Schulen“ unserer Schule und
ich habe in dieser Zeit Konzerte und Theaterstücke wie ein Süchtiger gierig
inhaliert. Bevorzugt Klassiker von Shakespeare, Goethe, Lessing, Schiller, bei
den Musikern Tschaikowsky, Haydn, Brahms, Liszt, Mozart und Beethoven. Ich muss
erwähnen, es blieben immer Karten übrig und Klassiker waren eben billiger als
Kino.
Doch zurück zu meiner Freikarte. Es war der beste
Platz, den ich jemals in der Berliner Philharmonie bekommen konnte, vorn am
Podium, zweite Reihe Mitte. Wie üblich hatte ich das Programm nicht gelesen und
harrte der Dinge, die da kommen sollten. Das Orchester war auch noch nicht da.
Ich wusste nur, ein Daniel Barenboim und eine Jaqueline du Pré aus Israel waren als
Solisten angekündigt. Sie kamen dann auch in Person eines jungen Mannes, kaum
älter als ich, der sich auch gleich ans Klavier klemmte und einer hübschen,
jungen rötlich blonden Frau, die ein Cello trug.
Zwei Hippies, war das alles? Ich war entsetzt. Durfte
man bei Konzerten so mit dem Personal sparen? Wo blieb nur das Orchester, das
konnte doch nicht alles sein, mein Entsetzen nahm zu. Aber es war alles. Es kam
niemand mehr, nicht einmal ein Dirigent.
Sie können sich meine Enttäuschung vorstellen,
endlich mal einen traumhaften Platz, genau vor dem Podium und dann das. Trotz
Freikarte fühlte ich mich irgendwie betrogen. Unbeirrt meiner Gefühlslage
begannen beide zu spielen und es war, als spielten sie nur für sich.
Ich entsinne mich nicht mehr, was sie spielten, ich
glaube Brahms war auch dabei, es ist ja schon so lange her, aber an was ich
mich erinnere war, von Stück zu Stück verflog meine Enttäuschung und in meiner
Erinnerung war es eines der schönsten Konzerte, wenn nicht sogar das Schönste,
das ich jemals gehört habe. In meinem Ranking kamen weder der Karajan noch der
Böhm mit ihren großen Orchestern mit und ich erinnere mich gern und dankbar an
dieses Erlebnis, das mich lehrte, erst einmal abzuwarten und zu sehen, was
läuft.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen