Freitag, 22. März 2013

Ein 100 Mark Missverständnis (Kurzgeschichte)



                                             
Es ist Abend, Winter und saukalt. Ich stehe am S-Bahnhof Halensee am Kudamm. Der Nachtbus ist mir gerade vor der Nase weg gefahren, nur weil ich mich mal wieder verquatscht habe. Ein leichtes Schneetreiben hat eingesetzt und überzieht Bürgersteige und Fahrbahnen mit einer weißen Schicht. Ich schaue auf den Fahrplan an der Bushaltestelle. „So ein Mist aber auch!“ Der Bus fährt nur alle halbe Stunde. Um nicht einzuschneien, entschließe ich mich in der Bahnhofsgaststätte so lange aufzuwärmen und mir einen Tee zu gönnen.
Es sitzen noch einige andere Gäste stumpf vor ihren Bieren, teilweise angetrunken. Ein grauhaariger, zerzauster Mann wackelt mit dem Kopf und dem Körper. Er droht jeden Augenblick vom Stuhl zu fallen. Gleich fällt er - aber er kann sich halten.
Eine üppige rothaarige Frau in einem schwarzen mindestens 2 Nummern zu kleinen Kleid malt sich die dicken Lippen kirschrot an. Zu dieser Zeit noch? Lohnt sich das?
Aber offensichtlich doch. Denn als sie mit dem Bemalen ihres Mundes fertig ist, zieht sie noch die Lidstriche nach.
Der Grauhaarige schwankt immer noch, ohne zu fallen, bemüht sich aber das Gleichgewicht zu halten.

An einem der äußeren Tische sitzt ein Gast. Er hat ein Bier vor sich stehen und offensichtlich keine Hektik. Nach einer Weile, als er es ausgetrunken hat, ruft er den Kellner herbei, der gelangweilt am Ausschank herumsteht, ein kleines Männchen mit krausen Haaren und einer Halbglatze. Er hat eine weiße Jacke an, also eben so, wie ein Kellner aussieht.
Er bemerkt, dass der Gast an dem äußeren Tisch zahlen möchte und kommt auch beflissentlich mit seinem Block herbeigeeilt, die Serviette über dem Arm.
„Haben der Herr noch einen Wunsch,“ fragt er den Gast und wedelt mit der Serviette ein paar Krümel vom Tisch.
„Nein, danke ich möchte bitte bezahlen,“ erwidert der Gast freundlich.
„Gern, so das wäre dann ein Bier. Macht Einsfuffzig.“ Der Kellner betrachtet seinen Block und reicht dem Gast den Zettel als Quittung.
Der Mann zieht seine Geldbörse aus der Gesäßtasche und entnimmt einen 100 Markschein.
Der Kellner betrachtet den Schein, dann den Mann. Der Kellner schüttelt traurig mit dem Kopf.
„Hamses nich kleener? Der Mann schüttelt bedauernd den Kopf.
„Leider nicht. Das ist alles, was ich noch habe. Und da bin ich froh darüber.“ Er sieht den Kellner freundlich an und lächelt.
 Das bisher blasse Gesicht verfärbt sich und läuft leicht Rot an. Der Kellner braust auf.
„Männekin ick soll dia wohl ma valetzen, wa?
Er baut sich vor dem Tisch des Mannes auf, die Hände in die Hüften gestützt.
„Entschuldigung, ich habe es wirklich nicht anders,“ antwortet den Mann und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Er steht auf um den Inhalt seiner Taschen zu prüfen und ist dabei fast 2 Köpfe größer als der Kellner.
„Nein tut mir leid ich habe kein Kleingeld.“
„Na jut, ick kann ja ma vasuchen zu wechseln,“ lenkt der Kellner ein und versucht die Lage zu beschwichtigen.
Schließlich findet der Mann noch zwei einzelne Markstücke in der Tiefe seiner Hosentasche.
„Stimmt so,“ sagt er freundlich, als er die Münzen auf den Tisch legt. Er nickt dem Kellner zu, nimmt ihm den Hunderter aus der Hand und verlässt das Lokal.
Ich schaue auf meine Armbanduhr. In fünf Minuten kommt der Bus.
„Zahlen bitte.“ Der Kellner kommt an den Tisch, legt die Quittung vor.
„Eine Mark bitte.“ Ich ziehe das Portemonnaie und entnehme einen Fünfzigmarkschein.
Der Kellner holt schon tief Luft und will sich aufpusten, als ich eine Mark und zwei Groschen finde.
„Stimmt so.“ Ich lege die Münzen auf den Tisch. Der Kellner verneigt sich leicht und streicht die Münzen ein.
„Danke der Herr. Schönen Abend noch.“

Ich verlasse die Gaststätte und laufe zur Haltestelle. Es ist kälter geworden. Das leichte Schneetreiben hat  inzwischen das Format eines  Blizzards erreicht. Die Schneeflocken fliegen fast horizontal. Die Autos fahren sehr langsam. Endlich, nach langen Minuten sind die Lichter des Busses im Schneetreiben zu sehen und es dauert nur noch einige wenige Sekunden und ich kann endlich in den warmen Bus einsteigen.

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