Es
ist Abend, Winter und saukalt. Ich stehe am S-Bahnhof Halensee am Kudamm. Der
Nachtbus ist mir gerade vor der Nase weg gefahren, nur weil ich mich mal wieder
verquatscht habe. Ein leichtes Schneetreiben hat eingesetzt und überzieht
Bürgersteige und Fahrbahnen mit einer weißen Schicht. Ich schaue auf den
Fahrplan an der Bushaltestelle. „So ein Mist aber auch!“ Der Bus fährt nur alle
halbe Stunde. Um nicht einzuschneien, entschließe ich mich in der
Bahnhofsgaststätte so lange aufzuwärmen und mir einen Tee zu gönnen.
Es
sitzen noch einige andere Gäste stumpf vor ihren Bieren, teilweise angetrunken.
Ein grauhaariger, zerzauster Mann wackelt mit dem Kopf und dem Körper. Er droht
jeden Augenblick vom Stuhl zu fallen. Gleich fällt er - aber er kann sich
halten.
Eine
üppige rothaarige Frau in einem schwarzen mindestens 2 Nummern zu kleinen Kleid
malt sich die dicken Lippen kirschrot an. Zu dieser Zeit noch? Lohnt sich das?
Aber
offensichtlich doch. Denn als sie mit dem Bemalen ihres Mundes fertig ist,
zieht sie noch die Lidstriche nach.
Der
Grauhaarige schwankt immer noch, ohne zu fallen, bemüht sich aber das
Gleichgewicht zu halten.
An
einem der äußeren Tische sitzt ein Gast. Er hat ein Bier vor sich stehen und
offensichtlich keine Hektik. Nach einer Weile, als er es ausgetrunken hat, ruft
er den Kellner herbei, der gelangweilt am Ausschank herumsteht, ein kleines
Männchen mit krausen Haaren und einer Halbglatze. Er hat eine weiße Jacke an,
also eben so, wie ein Kellner aussieht.
Er
bemerkt, dass der Gast an dem äußeren Tisch zahlen möchte und kommt auch
beflissentlich mit seinem Block herbeigeeilt, die Serviette über dem Arm.
„Haben
der Herr noch einen Wunsch,“ fragt er den Gast und wedelt mit der Serviette ein
paar Krümel vom Tisch.
„Nein,
danke ich möchte bitte bezahlen,“ erwidert der Gast freundlich.
„Gern,
so das wäre dann ein Bier. Macht Einsfuffzig.“ Der Kellner betrachtet seinen
Block und reicht dem Gast den Zettel als Quittung.
Der
Mann zieht seine Geldbörse aus der Gesäßtasche und entnimmt einen 100
Markschein.
Der
Kellner betrachtet den Schein, dann den Mann. Der Kellner schüttelt traurig mit
dem Kopf.
„Hamses
nich kleener? Der Mann schüttelt bedauernd den Kopf.
„Leider
nicht. Das ist alles, was ich noch habe. Und da bin ich froh darüber.“ Er sieht
den Kellner freundlich an und lächelt.
Das bisher blasse Gesicht verfärbt sich und
läuft leicht Rot an. Der Kellner braust auf.
„Männekin
ick soll dia wohl ma valetzen, wa?
Er
baut sich vor dem Tisch des Mannes auf, die Hände in die Hüften gestützt.
„Entschuldigung,
ich habe es wirklich nicht anders,“ antwortet den Mann und zuckt entschuldigend
mit den Schultern. Er steht auf um den Inhalt seiner Taschen zu prüfen und ist dabei
fast 2 Köpfe größer als der Kellner.
„Nein
tut mir leid ich habe kein Kleingeld.“
„Na
jut, ick kann ja ma vasuchen zu wechseln,“ lenkt der Kellner ein und versucht
die Lage zu beschwichtigen.
Schließlich
findet der Mann noch zwei einzelne Markstücke in der Tiefe seiner Hosentasche.
„Stimmt
so,“ sagt er freundlich, als er die Münzen auf den Tisch legt. Er nickt dem
Kellner zu, nimmt ihm den Hunderter aus der Hand und verlässt das Lokal.
Ich
schaue auf meine Armbanduhr. In fünf Minuten kommt der Bus.
„Zahlen
bitte.“ Der Kellner kommt an den Tisch, legt die Quittung vor.
„Eine
Mark bitte.“ Ich ziehe das Portemonnaie und entnehme einen Fünfzigmarkschein.
Der
Kellner holt schon tief Luft und will sich aufpusten, als ich eine Mark und
zwei Groschen finde.
„Stimmt
so.“ Ich lege die Münzen auf den Tisch. Der Kellner verneigt sich leicht und
streicht die Münzen ein.
„Danke
der Herr. Schönen Abend noch.“
Ich
verlasse die Gaststätte und laufe zur Haltestelle. Es ist kälter geworden. Das
leichte Schneetreiben hat inzwischen das
Format eines Blizzards erreicht. Die
Schneeflocken fliegen fast horizontal. Die Autos fahren sehr langsam. Endlich,
nach langen Minuten sind die Lichter des Busses im Schneetreiben zu sehen und
es dauert nur noch einige wenige Sekunden und ich kann endlich in den warmen
Bus einsteigen.
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