Freitag, 11. Januar 2013

Besuch in einem schwedischen Möbelhaus




Vor ein paar Tagen war ich in dem großen blau-gelben schwedischen Möbelhaus, dass sich überall pestartig ausbreitet und dessen Namen ich nicht weitergebe, um mich nicht der Schleichwerbung schuldig zu machen. Ich benötigte ein paar Schrauben, die nach der Renovierung verloren gegangen sind und die für Kunden in großer Anzahl vorrätig gehalten werden. Außerdem wollte ich nach einem Regalsystem für meine Ordner sehen - die zu verwaltenden und aufzubewahrenden Papierberge wachsen stetig.

Der Weg durch die Wohnlandschaften glich einer Fahrt mit der Geisterbahn, nicht dass die Besucher so schrecklich gewesen wären, nein, weil der Weg so verschlungen war, wie in einer Geisterbahn. Er führte mich vorbei an Förhöja, Bäven, Billy, Kelig Goda, Beddinge, Lyksele und Vika Hyttan. Auch Gäspa und Leksvik ließ ich links liegen.

Schrilles Kreischen drang an mein Ohr. Wird hier in der Ausstellung gesägt? Konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich lief langsam weiter, nahm zwischendurch auf einem Sofa Platz, dass als ausgesprochen Platz sparend angepriesen wurde – man saß auch dementsprechend. Das Kreischen wurde lauter. Es wurde immer von ruhigen Stellen, fast stillen Phasen unterbrochen. Ich stand auf und lief die gekennzeichneten Wege weiter. Schnell war die Schallquelle lokalisiert. Ein kleines Mädchen hatte sich an einer Schranktür geklemmt. Die Eltern waren nicht zu sehen, niemand  war da, der die Kleine in ihrem Schmerz tröstete, sie auf den Arm nahm, ihr sanft über das Haar strich, um ihr zu versichern, dass alles gar nicht so schlimm sei. Eine ältere Kundin übernahm den Part. Nachdem recht schnell Ruhe eingetreten war, erschienen auch die Eltern, die sich offensichtlich an der Lärmquelle orientiert hatten, wie Fledermäuse durch Ultraschall an Insekten. Die Mutter nahm das kleine Mädchen auf den Arm und das Gekreische begann erneut. Die ältere Frau strich dem Kind noch einmal über die Haare und setzte lächelnd ihren Weg fort.

Ich lief um die nächste Ecke, immer noch auf der Suche nach einem Regal, als mich ein kleiner Junge fast umrannte. Er war gekleidet wie ein Wikinger, mit Schwert und Helm und hörte auf den Namen Malte. Es passte irgendwie, ein schwedisches Möbelhaus und ein Wikinger.
Ihm folgte, ebenfalls schreiend, ein anderer kleiner Junge, der eher aussah wie ein Pirat. Auf jeden Fall, bewaffnet war er auch. Der kleine Pirat hieß Lennard. Lennnard und Malte jagten sich kreischend durch die Gänge, ohne Rücksicht auf die anderen Besucher zu nehmen. Der Showdown begann auf der Kreuzung von 2 Wegen. Malte und Lennard lieferten sich einen heißen Kampf. Die Holzschwerter schlugen krachend aufeinander, verbissene Gesichter starrten sich an. Lennard floh hinter eine Kommode. Krachend schlug Maltes Holzschwert auf die obere Kante des Möbelstückes.
„Aber Malte“, erscholl mahnend die Stimme seiner Mutter, die sich gerade beraten ließ. Der Berater schob ärgerlich seine Brille hoch, sah zu den beiden Kämpfern hinüber und die Mutter an, die wieder zur Tagesordnung überging und im Katalog blätterte.
Es krachte erneut. Eine CD-Säule fiel krachend um.
„Lennard, Schätzchen, was machst du?“ ertönte die Mutter Lennards aus einer anderen Ecke.
Lennard und Malte waren nicht zu bremsen. Wild mit den Schwertern schwingend jagten sie durch die engen Gänge.
„Rumms“, erneut fiel ein Möbelstück in der Nähe der Kämpfenden um.  Der Berater sah missbilligend Maltes Mutter an.
„Aber Malte!“, kam die schwache Ermahnung von ihr, ehe sie sich wieder konzentriert der Beratung widmete.
Holz splittert – nicht etwa ein Schwert, sondern ein Wandregal musste diesmal daran glauben.
Der Berater unterbrach die Beratung und sah Maltes Mutter, die vor ihm stand, an.
„Wollen sie nicht mal Ihrem Sohn sagen, dass dieses hier kein Spielplatz ist. Unser Spielplatz ist im Untergeschoss.“
Maltes Mutter sah den Berater giftig an. Wenn Blicke töten könnten, hätte der Berater tot umfallen müssen.
„Ich dachte dies ist ein kinderfreundliches Möbelhaus“, entgegnete sie spitz.
„Das schon“, erwiderte der Berater, „aber Defizite der elterlichen Erziehung können wir nicht auch noch beseitigen.“
Maltes Mutter warf den Kopf in den Nacken und stemmte die Hände in die Hüften, ihre Nasenflügel bebten.
„Jetzt nimmt sie gleich den Berater in den Schwitzkasten“, dachte ich.
„Malte, mein Baby, komm wir gehen!“ Sie strich dem Wikinger über die verschwitzten Wangen und warf dem Berater noch einen giftigen Blick zu. Dann nahm sie Malte an die Hand und zog ihn hinter sich her.
„Mama ich bin kein Baby, ich bin ein Wikinger!“ Malte protestierte lautstark. Er fühlte sich Lennard gegenüber benachteiligt. Lennard stand schwer atmend, mit knallroten Ohren mitten im Gang und sah Malte nach.  Es wurde schlagartig ruhig.
Ich schlenderte weiter, immer noch auf der Suche nach einem passenden Regal für meine Ordner und gelangte zum Kassenbereich.
Es duftete herrlich nach Hot Dogs, den heißen Hunden des Möbelhauses und  ich belohnte mich mit einem Hot Dog, mit Senf, Ketchup und Zwiebeln und allem, was dazu gehörte.
Ein passendes Regal hatte ich nicht gefunden, dafür war ich satt, zufrieden und hatte Wikinger und Piraten kämpfen sehen.
Was für ein Tag!

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