Es ist Feierabend. Ich
fahre mit der U-Bahn nach Hause. Das Abteil der U-Bahn ist brechend voll, wie
eigentlich jeden Abend. Dicht gedrängt stehen die Menschen. Um die Langeweile
zu vertreiben lese ich die Werbung einer Brotfabrik, die in den Waggons an den
Längsseiten angebracht ist.
„Der Opa sprach zur
Omama, Paechbrot ist für alle da.“
Ich überlegte, welches Versmaß
der Reimschmied wohl angewendet hatte. „Kuno sprach zu Kunigunde, Paechbrot ist
in aller Munde“. Noch eine Brotwerbung.
Anapaest, Jambus,
Trochäus oder Daktylos? Erinnerungen an längst vergangene Deutschstunden kommen
hoch und ich versuche in dem Geschiebe und Gedränge das Vermaß auszuzählen.
Aber immer steht jemand im Blickfeld und außerdem kann ich mir auf das Versmaß
keinen Reim machen. Also mit Goethe konnte
sich der Reimemacher auf jeden Fall nicht messen.
Auf der anderen Seite
des Abteils ist eine Schnapswerbung angebracht.
„Der Senner jodelt in
der Steinwand. Ja, Noris ist ein guter Weinbrand!“
Das muss offensichtlich
vom gleichen Dichter sein, entscheide ich, nachdem ich die Zeile mehrfach
gelesen habe.
Eine dicke Frau, oder
besser gesagt eine adipöse Frau, das hört sich nicht so hart an, mit tiefem Ausschnitt, macht sich breit und
versperrt die Sicht. Auf einer der Längsbänke knutscht ungeniert ein
Liebespärchen. Ihre Lippen sind vom vielen Küssen schon ganz dick geschwollen.
Bei ihr sehen die Lippen aus, als ob sie Tuba spielt. Hin und wieder schauen
sie sich um, offensichtlich nur um Luft zu holen für die nächste Kuss-Attacke.
Die U-Bahn hält am
Bahnhof Spichernstrasse. Es steigen eine ganze Reihe Leute aus, dafür steigen
viele Neue wieder ein. Der U-Bahnhof Spichernstraße ist ein Umsteigebahnhof. Es
wird jedenfalls nicht leerer. Die leicht adipöse Frau steht immer noch mitten
im Gang, den sie fast vollständig ausfüllt, mit neidvollem Blick auf das
Liebespärchen. Ein großer, hagerer Mann, der Zeitung lesend an einer
Haltestange zu hängen scheint, peilt ihr hin und wieder in den Ausschnitt, ehe
er sich wieder seiner Lektüre widmet.
Ein Mann mit einem
U-Bahn Plan, offensichtlich ein Tourist, betritt das Abteil er stellt sich vor
einen jungen Mann, der das Glück hatte, einen Sitzplatz ergattert zu haben und
der müde und teilnahmslos aus dem Fenster blickt.
„Ent- ent-
entschu-schu-ldigen sie bi-bi-bitte, kö- kö- können sie m- m-m-mir sssa-sagen,
wie sch-schpät es ist?“
Der junge Mann mit dem
Sitzplatz sieht unbeteiligt aus dem Fenster, als ob er nichts gehört hätte und
rührt sich nicht.
Der Mann mit dem
Stadtplan wiederholt seine Bitte und schaut gehetzt aus dem Fenster.
„Kö- kö- können sie
m-m-m-mir b-b-bitte s-s-s-sagen, wie
sch-schpät es ist?
Der junge Mann reagiert
nicht und tut weiterhin völlig unbeteiligt. Es hätte nur noch gefehlt, dass er
anfinge zu pfeifen und sich seine Fingernägel betrachtet.
Eine ältere Frau, die
unmittelbar neben ihm sitzt, sieht ihn böse an.
An der nächsten Station,
es muss Berliner Straße sein, steigt der stotternde Mann mit dem Stadtplan aus.
Er drängt sich durch die im Gang stehenden Mitfahrer, ohne die Uhrzeit gesagt
bekommen zu haben. Er bleibt auf dem Bahnsteig stehen, sieht nach links, dann
nach rechts, ehe er sich für links entscheidet.
Die ältere Frau, die
neben dem jungen Mann im Abteil sitzt, sieht den jungen Mann vorwurfsvoll an. „Wissen sie, ich
finde das unmöglich. Warum haben sie dem Mann nicht die Uhrzeit gesagt? Er hat
sie doch höflich gefragt und sie haben eine Uhr, wie ich sehen kann.“
Der junge Mann dreht den
Kopf und sieht sie treuherzig an und entgegnet lächelnd.
„M-m-meinen s-se, ick
l-l-lasse m-m-mir n-n- paar h-h-hauen? Er tippt sich an die Stirn, steht auf
und geht.
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