Soll noch jemand sagen, es geschähen keine Wunder
mehr. Gerade in der Vorweihnachtszeit geschehen die meisten Wunder, wie ich
berichten kann, man muss nur aufmerksam durch die Gegend laufen und beobachten.
Neulich war ich auf dem Weg in die Stadt, zu einem
der zahlreichen Weihnachtsmärkte. Ich lief durch festlich geschmückte Straßen, mit ihren
elektrisch funkelnden Sternen, Weihnachtsbäumen und elektrisch beleuchteten
Renntierschlitten.
Von weitem schon konnte man die Musik der Karussells
hören, während ich an einem Heer von Ausgestoßenen, von der Gesellschaft Benachteiligten vorbeilief, die Vorbeilaufenden ihre dünnen, knochigen Hände, Hilfe suchend
entgegenstreckten. Einbeinige, Krüppel, eine Mutter mit einem Kleinkind auf dem
Arm, dass nur dürftig in eine dünne Decke gehüllt war und ein Buckliger, der
nicht nur von der Last der Jahre gebeugt war, eine alte Frau, die weinend und
zitternd um eine Spende bettelte.
Ich zog meine Geldbörse und spendete, wie viele
andere auch, den bedauernswerten Geschöpfen. Es gab mir ein gutes Gefühl, von
dem was ich mehr hatte, denen die weniger hatten, abgeben zu können. Der
dankbare Blick eines Einäugigen ruhte auf mir.
Aber es gab auch Andere, Menschen, die Bratwurst
fressend oder an kandierten Äpfeln knabberten oder heiße Maronen pulten und laut
schwadronierend an den Ausgestoßenen vorbei liefen.
Mit vorgerückter Stunde wurde es kälter, eine
feuchte Kälte kroch an einem hoch und ließ einen frösteln. Ich schlug den
Kragen hoch. Die Glühweinstände machten jetzt enorme Umsätze und waren stark
umlagert. Einige der Zecher hatten bereits eine schwere Zunge und
Schwierigkeiten mit der Artikulation.
Junge Frauen juchzten bei der Karussellfahrt und
junge Männer schossen Teddybären mit Luftdruckgewehren für ihre Angebeteten. In
der Luft lag ein leichter Duft von gebrannten Mandeln. Ich kaufte eine Tüte und
genoss die gezuckerten Köstlichkeiten.
Vor einem Bierzelt gab es Streit. Zwei
angesäuselte, junge Männer stritten um die Gunst einer jungen Dame, die
scheinbar unbeteiligt daneben stand und vorbeiziehende Besucher beobachtete,
während sie an den Fingernägeln kaute.
Meine Hände wurden kalt und ich überlegte sie in
die Tasche zu stecken, entschied mich aber für einen Glühwein, in warmer Tasse.
Das half sofort, Wärme von innen und von außen. Der Glühwein schmeckte nach
Zimt und Nelken und die an der Tasse herab laufenden Tropfen klebten an den
Händen.
Die Zeit verging wie im Fluge und ich beschloss
heimzugehen.
Vor mir lief eine wohlbekannte Gruppe, scherzend
und guter Laune. Der Einäugige hatte die Augenklappe hochgeklappt, um besser
sehen zu können und zog an einer Zigarette. Er unterhielt sich angeregt mit dem
Buckligen, der, erstaunlicher Weise aufrecht laufen konnte und seinen Buckel unter dem Arm trug. Die
Hinkende lief leichtfüßig neben der Gruppe her und plauderte mit der jungen
Mutter, die ihr Kind unter dem Arm trug und dass trotz der Lieblosigkeit keinen
Mucks von sich gab.
Alle waren guter Laune, vielleicht, weil ihre
Zeit der Leiden vorbei war und sie sich jetzt auf den Feierabend freuen konnten - für heute zumindest. Das konnte man ein wirkliches Wunder nennen .
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